Selbstfindung oder die Kraft der Mimesis von Ulrich Reukauf


Selbstfindung oder die Kraft der Mimesis

Ulrich Reukauf

 

1. Auflage 2018, 532 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Format 14,8 x 21 cm

ISBN 978-3-944034-11-9

 

 

Selbstfindung oder die Kraft der Mimesis, Ulrich Reukauf

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 Protagonist dieser Schrift ist ein Mitglied der Möbelwelt, ein Kleinmöbel in Gestalt eines meist schwarzgelackten Pianoadju-tanten, der sein Leben im Schatten der Klaviatur seines Namensgebers verbringt und spürt, dass er trotz seiner Höhenver-stellbarkeit immer zu kurz kommt. Heut-zutage zu kurz kommt auch sein einstmals in der Musik tonangebendes Klavier. Mehr piano als forte, leidet es darunter, dass Mr. Playback, im sattsam bekannten Umgangston des „Ich bin authentisch, drängle mich vor und bin laut“, mit seinem Tinnitusorchestral stampfendem Algorithmen-Heer die musikalische Führungsrolle übernommen hat, sekun-diert von Dr. Paste und Mrs. Copy. 

 

Weit unter seinen Möglichkeiten bleibend und verständlicherweise verstimmt, steht manches Klavier in irgendwelchen kulturellen Nischen herum und wartet sehnlichst darauf, auf den Flügeln seines Gesanges die Muse in die Höhe tragen zu dürfen. Am liebsten auf großer Bühne, aber gerne auch in Salons und in der häuslichen, zunehmend vertwitterten und vergoogelten Wohnumgebung. 

Angeblich sei ein arbeitslos gemeldetes Klavier auch schon mal Päpstlicherseits als einzig legitimes Verhütungsmittel empfohlen worden, weil es sich mit körperlich ertüchtigendem Einsatz vor die Schlafzimmertür rollen lässt. Aber mora-lische Integrität ist seine Sache nicht und nicht selten stiftete das häusliche Klavier im Drüber und Drunter des Vierhändig-Spiels manch seriöse Ehe mit Kindern, aber auch mit Kegeln. Ab und zu will es auch mal auf die Kabarettbühne oder in eine schwüle Musikkneipe, wo es den heiteren Drahtkomödianten spielen darf. Stets im Schatten der Klaviatur tritt etwas verschnupft kürzer, wer eh schon kurze Beine hat und wartet darauf, dass jemand »da oben« in die Tasten greift und er selbst »da unten« Träger von Kulturträger sein darf: der kleine hölzerne Tonkunst-helfer. Stattdessen muss er in Zeiten kultureller Deprivation die meiste Zeit mit Warten verbringen, oder er wird in der Küche zweckentfremdet, dann wieder nehmen ihn immer mal wieder unge-hörige Besatzer bis hin zu sich auf ihm herummopsenden Möpsen in nicht artgerechter Weise Anspruch.

Wie sehnlich erwartet er doch in solchen Situationen die satin-raschelnde Virtuosin oder den mit wehenden Frackschößen nahenden Starpianisten, um in der ihm eigentümlichen Habacht-stellung zum Niedersitzen und Spielen einzuladen, dies in Adaption Maria Montessoris »Ich helfe dir, es selbst zu tun«. 

 

Vergebliches Hoffen ist eine Gewohnheit, die, wie jede Sucht, von der Erwartung lebt, Realität ausblenden zu können. So träumt er von besseren Zeiten auch dahingehend, anstatt immer nur dastehen zu müssen, selbst einmal etwas darstellen zu dürfen, vielleicht gar einmal ein paar Klaviertasten als Insignien seiner eigenen Bedeutsamkeit stolz auf seinem Haupt tragen zu dürfen.

 

Eine Krone in Schwarz-Weiß, stumm zwar, aber des Auge zum Erklingen bringend.